Gleich vorweg: Wenn ich von "Qualitätsjournalisten" schreibe, dann meine ich damit die selbsternannten, selbstherrlichen und selbstbezogenen Helden der Schreiberzunft, denen wir Amateure aus später noch geschilderten Gründen ein Dorn im Auge sind. Es gibt auch professionelle Journalisten, wie beispielsweise
Stefan Niggemeier und
Thomas Knüwer, die ich persönlich sehr schätze.
Gestern schrieb ich über den Stern-Schreiber Felix Disselhoff und seinen unsäglichen Bericht über Twitter und "das Web". Neben mir schrieben auch
weizenspr.eu,
BILDblog,
Till Achinger,
Literatur&Debatte,
Digitalresident.de und
Burks' Blog lesenswerte Artikel darüber.
Auch die Reaktionen auf Twitter zeigten deutlich, wie inhaltlich daneben der Autor beim Stern mit seinem
kernkopierten Werk war.
Anders als Stern.de werde ich jetzt nicht anfangen, einzelne Tweets zu zitieren. Das würde zum einen den Rahmen sprengen und weiterhin wäre es auch wirklich unverzeihlich wenn ich einen der vielen originellen und guten Tweets vergessen würde. Darum einfach die Twittersuche nach
#stern bemühen und sich selbst ein Bild machen.
Erst provozieren, dann abtauchen - die gängige Praxis schlechter Journalisten
Im Vergleich zum Amoklauf in Lörrach, der ja der Anlass zu Disselhoffs Webschelte war, ist die Zahl der Tweets zu Disselhoffs Artikel ungleich höher und selbst jetzt schlagen immer noch vereinzelt Ansichten und Meinungen ein, die dem Autor eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben sollten.
Felix Disselhoff hat die Twitternutzer und "das Web" (
seine Worte!) herausgefordert und die Antworten darauf entlarvten ihn als arroganten, kopierenden, schlecht recherchierenden Lohnschreiber, ohne jegliche Motivation zu einer vernünftigen Hintergrundrecherche oder sachlichen Auseinandersetzung mit dem, was da getwittert wurde.
Stern.de selbst gibt unter dem Artikel den Lesern keinerlei Möglichkeit, zu dem Bericht Stellung zu nehmen und der Autor selbst hüllt sich in tiefes Schweigen und schreibt auch nicht ansatzweise nur einen Satz zu der Kritik an ihm oder den Vorwürfen bezüglich der geringen Qualität seiner Art von Journalismus. Fatal für ihn ist dabei die Tatsache, dass die Twitterreaktionen auf seinen Artikel ungleich höher sind, als die Tweets auf den Amoklauf selbst, was in logischer Konsequenz eigentlich einen Artikel wert sein müsste.
Aber ähnliches erlebt man seit Jahren immer wieder: Selbst ernannte "Qualitätsjournalisten", die sich mit
dem gemeinen Internetpöbel anlegen, erstaunlich fundiert etwas auf die Nase bekommen, um im Anschluss daran den Kopf in den Sand zu stecken und es auszusitzen.
Die Spirale der (medialen) Gewalt dreht sich
So könnte die Schlagzeile in den professionellen Medienerzeugnissen klingen, wenn es beispielsweise um das Thema
Blogs und Journalismus geht. Und tatsächlich kann man, mit genug schlechtem Geschmack wie dem meinen, durchaus Parallelen zu militärischen Konflikten ziehen.
Auch im mittlerweile seit Jahren anhalten Disput zwischen Bloggern und professionellen Medien läuft es in der Regel immer so ab:
Ein Journalist oder ein Medienunternehmen holt aus und startet den Erstschlag völlig unangebrachter Vorwürfe und Anschuldigungen gegen die -zumeist privaten- Blogger und Web-Autoren. Die Blogger schlagen zurück, teilweise emotional, teilweise jedoch auch sachlich fundiert und gut recherchiert. Und was viele der Blogger in diesem Moment auszeichnet ist die Tatsache, dass sie sich nicht die Blöße geben wollen, der professionellen Journallie eine Bestätigung ihrer Meinung auszustellen. Aus diesem Grund beißen sie sich fest, recherchieren intensiver und tauschen sich über Verlinkungen und Mails aus, bis sich aus vielen Einzelrecherchen ein demontierendes Gesamtbild ergibt, wie sich gestern wieder vorbildlich zeigte.
Die Profis ziehen sich angeschlagen zurück, jedoch ohne Stellung auf aktuelle Blogartikel zu beziehen und warten auf die nächste Gelegenheit, vermeintlich besser vorbereitet, wieder zuschlagen zu können. Und dann beginnt das Spiel von vorne: Wenige Journalisten versuchen durch Einzelrecherche ein großes Netz von Bloggern bloßzustellen und bekommt wieder etwas auf die Nase.
Auf diesem medialen Kriegsschauplatz sind die professionellen Medien zwar die Großmacht, sie erreichen Leserzahlen weit über denen einzelner Blogs, gleichzeitig sind sie aber auch die Verlierer, denn die Blogger verfügen über etwas, was den Profis aus Auflagen- und Marktanteilsdenken heraus mittlerweile völlig abhanden gekommen ist: Der Wille zur Vernetzung, zu gegenseitigem Informationsaustausch und zur Zusammenarbeit.
Rhetorik ist nicht gleichbedeutend mit Qualität
Oftmals wird die Ausdrucksweise der Blogger kritisiert. Sie ist den Profis nicht gewählt, nicht feinsinnig genug. Es fehle ihr an umschreibenden Formulierungen. Es stimmt, Blogger schreiben oftmals so, wie sie es in ihrem Leben gelernt haben oder wie sie von ihrer Umwelt geprägt wurden. Aber ist es denn so gravierend, ob da steht
"Der stromlinienförmige Sportwagen verlor aufgrund der Straßenbeschaffenheit und den Witterungseinflüssen die Traktion..." oder
"Der Porsche kam auf glattem Asphalt und durch den Regen ins Schleudern..."? Ist der ausformulierte Satz qualitativ besser? Nein, denn beide Sätze geben den gleichen Sachverhalt wieder, nur der zweite Satz ist eben so geschrieben, wie die Masse der Bevölkerung spricht und das ist kein Nachteil, denn ihn versteht jeder auf Anhieb.
Ich selbst schreibe auf eben diese Art. Natürlich könnte ich meine Artikel mit Fremdwörtern spicken, bei passenden und unpassenden Gelegenheiten Schriftsteller, Philosophen und andere Wortakrobaten zitieren, aber was würde mir das bringen? Es macht weder mich, noch meine Artikel besser und würde eventuell höchstens dazu führen, dass Leser davor zurückschrecken, sich in den Kommentaren mit mir auszutauschen, weil sie befürchten würden, sie wären mir rhetorisch vielleicht nicht gewachsen. Und DAS wäre mir absolut nicht recht, denn ich suche, ganz im Gegensatz zu vielen professionellen Medien, den Meinungsaustausch mit meinen Lesern.
Ein weiterer Vorteil der schlichten Schreibweise ist, dass der Leser aus meinen Texten zumeist schon klar erkennen kann, ob mich ein Thema bewegt, mich aufregt oder mich gleichgültig lässt. Kurz gesagt: mein Schreibstil gibt auch mein Interesse am Geschriebenen wieder. Ist es ein Fehler, dass ein Leser das Interesse des Autors an seinem Thema wahrnimmt? In meinen Augen nicht. Und darum halte ich es prinzipiell für falsch, Rhetorik mit Qualität gleichzusetzen.
Der Ruf nach dem Presserat
Felix Disselhoff schreibt, schon fast beleidigt wirkend:
Der Pressekodex gilt nun einmal nur für die Presse. Und nicht für ein Medium, welches von vielen fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet wird.
Es ist richtig, der Pressekodex fühlt sich
noch nicht zuständig für Blogs. Ob das immer so bleiben wird, das soll die Zukunft zeigen. Aber die meisten Blogger haben auch weder eine journalistische Ausbildung, noch betreiben sie ihre Blogs kommerziell. Viele geben einfach
ihre persönliche Meinung wieder oder schildern etwas aus ihrer Sicht. Bei Twitter trifft das noch expliziter zu. Twitter ist in erster Linie ein Medium, auf dem Menschen ihre persönliche Meinung und persönliche Ansichten in Kurzform wiedergeben, ähnlich wie bei Gesprächen in der Kneipe, im Freundeskreis oder im Arbeitsumfeld. Wer bei Twitter schon nach dem Presserat ruft, der fordert in logischer Konsequenz die generelle Zensur von Meinungen und das kann es einfach nicht sein.
Ich persönlich könnte allerdings damit leben, wenn der Presserat mal mein Blog unter die Lupe nehmen würde. Ich glaube, ich käme mit verhältnismäßig Rügen im Vergleich zu den kommerziellen Medien weg. UND: Ich würde Rügen sogar an prominenter Stelle publizieren, denn mir fällt es nicht schwer, einen Fehler, der mir nachgeweisen wurde auch richtigzustellen.
Das Internet vergisst nichts
Dieser Satz wird oft zitiert, von wem er ursprünglich stammt, das weiß ich nicht. Fakt ist aber, dass gerade dieser Satz den professionellen "Qualitätsjournalisten" immer wieder den Hals bricht. Und wenn ich, der immer noch dran glaubt, dass der Journalismus irgendwann wirklich mal besser wird, daran denke, wie Herr Disselhoff sich in 10 Jahren bei einem neuen Arbeitgeber vorstellt, der ihn erstmal "googelt" und dann auf den Mist stößt, den er hier verzapft hat, dann gerät der Herr Dissehoff in ein echtes Dilemma. Denn wie erklärt man einem potentiellen Arbeitgeber, dass man sich als Profi von einer Hand voll Amateure vorführen lassen hat?
Und gerade dieses futuristische Dilemma lässt mich hoffen: Wenn wir heute schon in der Lage sind, die guten und die schlechten Journalisten durch simple Netzrecherche zu unterscheiden, vielleicht wird der Druck auf die Profis dann irgendwann groß genug, dass sie endlich qualitativ hochwertig recherchieren und schreiben und nicht ewig die Keule gegen uns Hobbyschreiber schwingen.
Noch ein letztes Wort zu Herrn Disselhoff
Bei Felix Disselhoff handelt es sich noch um einen verhältnismäßig jungen Journalisten. Darum hoffe ich für meinen Teil, dass er aus diesem Fauxpas gelernt hat und zukünftig vielleicht etwas mehr Sorgfalt sowohl bei Recherche, als auch beim Wahrheitsgehalt seiner Artikel beweist.