Im ersten Teil meiner angekündigten Serie möchte ich mich zunächst damit befassen, warum Arbeitslose in Deutschland einen so schlechten Ruf haben. Ich bitte zu beachten, dass es meine rein subjektive Wahrnehmung ist und ich weder Arbeitsmarktexperte, noch Meinungsforscher bin. Ich denke aber, einige meiner Ansichten dürften nachvollziehbar und nicht prinzipiell falsch sein.
Woher rührt der schlechte Ruf der Arbeitslosen?
Die Stigmatisierung der Arbeitslosen begann mit der Umstrukturierung der Arbeitslosenbezüge unter Leitung von Peter Hartz, besser bekannt als Hartz-4-Reform.
Wo früher die Unterteilung Arbeitslosengeld (im ersten Jahr), Arbeitslosenhilfe (im zweiten Jahr) und Sozialhilfe (ab dem dritten Jahr) griff, wurden Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe nun zum Arbeitslosengeld II zusammengelegt. Damals galten Sozialhilfeempfänger als schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose, während Arbeitslosenhilfeempfänger wesentlich bessere Karten hatten, noch eine Stelle zu bekommen. Mit der Zusammenlegung galten jetzt Menschen mit mehr als 12 Monaten ohne Beschäftigung bereits als Langzeitarbeitslose, was aus den Köpfen vieler Personalchefs nicht heraus zu bekommen ist. Denn bei ALG-II-Empfängern befürchten viele Unternehmer eine problematische Wiedereingliederung.
Die Boulevardmedien jagen die Sau durchs Dorf
Aber Hartz-IV war nur der Auslöser. Hauptsächlich verdanken wir dem schlechten Ruf den Boulevardmedien. Da hätten wir beispielsweise Zeitungen wie BILD, die immer wieder den ein oder anderen "faulen Apfel" unter den Arbeitslosen findet und dann gnadenlos und reißerisch über dessen "tolles" Leben berichtet und nebenbei auch gleich die Frage beantwortet, ob das ALG-II nicht viel zu hoch sei. Die Antwort ist in der Regel ein lautes "Ja" und die Berichterstattung unterstellt unterschwellig häufig, dass der Großteil der ALG-II-Empfänger ebenso verfährt.
Und als wäre das noch nicht genug, schlägt das Proll-TV mit seinen gnadenlos peinlichen und unterirdisch schlechten Talkshows, Doku-Soaps und Boulevardsendungen in die Kerbe. Wer sich mal der Folter ausgesetzt hat und das (ebenfalls unterirdische) Talk-Talk-Talk angeschaut hat, kann sich vorstellen, was ich meine. Man bekommt den Eindruck, die TV-Sender würden mit voller Absicht gezielt Langzeitarbeitslose mit, nennen wir es intellektueller Benachteiligung, als Musterbeispiel für die Arbeitslosen in ganz Deutschland rekrutieren, um diese dann, zunächst Mitgefühl und Verständnis heuchelnd, später als dumm, faul, versoffen und sexuell hyperaktiv darzustellen.
Gern wird heute auch der Arbeitslose ausgeschlachtet, der sich erdreistet, einen 1-Euro-Job abzulehnen. Dazu werden dann entrüstete Bürger interviewt, die sich im Normalfall in einem festen Arbeitsverhältnis befinden und deutlich mehr verdienen.
Die Politik streut Salz in die Wunde
Der offenen Wunde der Stigmatisierung geben dann verschiedene Politiker noch den Rest, indem sie beispielsweise Experten heran karren, die der Öffentlichkeit erzählen, der ALG-II-Satz wäre zu hoch und man könne selbst mit nur 1,50 Euro am Tag ein menschenwürdiges Leben führen.
Beliebt ist auch immer wieder die Argumentation, dass die ALG-II-Empfänger Schuld an der Staatsverschuldung sind. Wer sich die Jahresberichte des Bunds der Steuerzahler anschaut oder die aktuellen Nachrichten der letzten Jahre verfolgt, wird schnell feststellen, dass die Arbeitslosen hier für die verfehlte Politik den Sündenbock spielen dürfen. Milliardenhilfen für die Wirtschaft, die sich mit ihren Fehlspekulationen im Bankenwesen selbst ruiniert hat und Milliardenpakete für EU-Mitglieder, die sich mit ihrer eigenen Unfähigkeit in die Pleite getrieben haben, werden politisch auf die Arbeitslosen abgewälzt.
Absoluter Spezialist auf dem Gebiet ist übrigens Guido Westerwelle, der pro Tag mehr verdient, als ein ALG-II-Empfänger im Monat und dessen Maßanzüge mit dem Jahresbezug eines ALG-II-Empfängers nicht bezahlbar sind.
Und wenn sich dann mal ein Arbeitsloser gegen diese Vorwürfe wehren möchte, greifen wieder die Boulevardmedien.
Diese drei Punkte sind meines Erachtens die Hauptursache für den schlechten Ruf der Arbeitslosen. Aber ich mahne zur Vorsicht! Wie sich in den letzten Jahren oft gezeigt hat, kann der Lästerer von heute schon morgen selbst auf der Straße sitzen.
Morgen folgt dann Teil 2 der Serie, in dem ich dann der Frage nachgehe:
Warum haben wir so viele Arbeitslose?
Der Text wird dann leider etwas länger, das Thema ist allerdings auch umfassender.